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picknick mit hindernissen

yogi-picnic-cartoon

Einst waren wir einmal eines Sonntagvormittags unterwegs in Braunschweig. ‘Warum blos?’ werden sich alle Nichtbraunschweiger natürlich fragen, aber genaue Gründe dafür habe ich mittlerweile erfolgreich verdrängt, vermutlich aber war es zwecks eines Geburtstages einer mir Fremden. Für alles weitere ist dies aber auch völlig zweitrangig. Viel wichtiger ist nunmehr, dass wir zu unserem Erstaunen auf dem Marktplatz von Braunschweig auf eine Gruppe Wildfrühstückender trafen, die sich augenscheinlich völlig ungeniert öffentlich dort zusammengerottet hatten, um gemeinsam zu picknicken. ‘Welch widerwärtige Frechheit, welch abscheuliche Dreistigkeit’, wirst du beim Lesen jetzt sicherlich ausrufen – zurecht!

Haben wir dafür, dass sich wildfremde Leute friedlich auf öffentlichen Plätzen treffen um sich vor unseren Augen gemeinschaftlich zu ernähren, 1968 revoltiert? Gewiss nicht! Wie kann unsere Staatsmacht sowas nur zulassen, habe ich mich seither oft gefragt, wenn ich nächtens schweissnass, krank aus Sorge um die allgemeine öffentliche Ordnung hellwach in meinem Bette darniederliege.

Worauf will er hinaus, was soll die ganze Scheisse, fragt du jetzt nicht ohne Grund. Aber keine Sorge, jetzt kommt nämlich das Happyende meiner Sonntagspredikt:

Denn just kürzlich hat die Stadt Braunschweig sich besonnen und nun wird dank harter gerechter Hand endlich wieder Ruhe und Ordnung auf unseren, wenn auch Braunschweiger, Strassen einkehren:

Anberaunte ‘Flashmobs’ dieser Art, wie sie dieses bereits einige Male stattgefundene Picknick darstellen, sind nämlich nun verboten und werden bei Bedarf mit aller Härte der Polizeifaust aufgelöst, sollten es diese Staatsfeinde doch nochmals wagen, derartig öffentlich gruppenzugammeln.

Der Urheber der ganzen Veranstaltung, ein Herr Paschen, der die Picknickerei über das StudiVZ Netzwerk angezettelt hatte, wurde nun nämlich vom Ordnungsamt nach allen Regeln der Stasikunst über Rechereche in allen nötigen Onlinecommunities ausfindig gemacht und erhielt beim, nennen wir es mal, Verhör folgendes mitgeteilt:

1) Jegliche öffentliche Flashmobs in Braunschweig sind illegal und werden notfalls mit einer Allgemeinverfügung verboten und polizeilich aufgelöst.
2) Auch der World Freeze Day, über den die Braunschweiger Zeitung sehr freundlich berichtet hat, werde zukünftig vom Ordnungsamt verboten, sofern sie rechtzeitig davon erfahren.
3) Der öffentliche Raum in Braunschweig dient ausschließlich dem Verkehr, also dem Transfer von Wohnung a zu Wohnung b, von Wohnung a zu Geschäft b oder von Geschäft a zu Geschäft b.
4) Herr Paschen hat die Aufgabe, öffentlich bekannt zu geben, dass am 8.8. von 16 bis 18 Uhr KEIN Picknick auf dem Schlossplatz stattfinden wird.

Die Begründung für das Verbot lautet wie folgt:

a) Öffentliches Eigentum ist durch das Picknick gefährdet. Auf die Frage, was denn gefährdet sei, antwortete Herr Heidelberg vom Fachbereich Öffentliche Sicherheit, dass das Sandsteinpflaster vorm Schloss teuer sei. Die Frage, inwiefern dieses Pflaster, über das tagtäglich Tausende von Frauen in High-Heels stolzieren, durch samtene Decke von Picknickern gefährdet sei, wurde nicht beantwortet.
b) Das Picknick könnte ähnlich wie eine Flashmob-Party auf Sylt ausarten und statt der erwarteten max. 100 Picknicker kommen mehr als 5 000 Personen, die kein friedliches nachmittägliches Flashmob-Picknick veranstalten, sondern eine wüste Orgie wie im Film „Das Parfüm“.
c) Auch die Anmeldung einer Demonstration ähnlich wie bei der Love Parade wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit am 8.8. keine Aussicht auf Erfolg haben, weil eine Demonstration mit Picknick (schriftliches Zitat Paschen) “eine nicht genehmigungsfähige Sondernutzung” darstellt.

Fazit: Stulle erkannt, Stulle gebannt, zehn leere Kaffeetassen können schnell zehn Mollis sein – Ein guter Staatsbürger ist keinesfalls ein Picknicker, kein Scheiss Mann, jeder weiss Mann – Der öffentliche Raum ist somit also wieder befriedet und krümelfrei – Throw your Müslis in the air, oh yeah. Aber bitteschön zuhause in euren Kommunenküchen.

[via]

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